Andreas Kühne ist apl. Professor für Wissenschaftsgeschichte an der LMU, Honorarprofessor der Akademie der Bildenden Künste München und seit 2022 Direktor der Abteilung Bildende Kunst an der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Er kuratiert Ausstellungen, ediert frühneuzeitliche Quellentexte und schreibt als Kunstkritiker über aktuelle Positionen der Bildenden Kunst.

Wir haben für einige seiner Projekte an der Bayerischen Akademie der Schönen Künste die Ausstellungskommunikation gestaltet. Für unseren Newsletter haben wir ihn zu seiner Perspektive auf Design befragt.

H W

Welche Rolle spielt Design in der Kunst?

A K

Die freie und die angewandte Kunst stehen sich grundsätzlich komplementär gegenüber. Ihre Beziehung reicht weit zurück bis in die Anfänge des künstlerischen Schaffens in der Frühgeschichte des Menschen. Das Design als eine spezifische Form der angewandten Kunst existiert jedoch erst seit der massenhaften Herstellung von Produkten der Alltagskultur und der damit einhergehenden Notwendigkeit der Entwicklung von industriellen Prototypen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts.

„Die evolution der kultur ist gleichbedeutend mit dem entfernen des ornaments aus dem gebrauchsgegenstand“, lautet ein Schlüsselsatz von Adolf Loos (1870-1933). Seine Argumentation lief darauf hinaus, das Ornament als eine vorgetäuschte Pracht zu denunzieren, es schrittweise zu verbannen und schließlich durch die „Schönheit des Zweckmäßigen“ zu ersetzen. Zu Trägern der dekorativen Wirkung wurden nun, vor allem im „Bauhaus“, primär die Eigenschaften und Strukturen der verwendeten Materialien.

Wer die Entwicklung der Produkte des industriellen Designs und der Werbung beobachtet, wird feststellen, dass diese zumeist mit einer Zeitverzögerung von einigen Jahren - heute oft auch nur Monaten oder Wochen - künstlerische Ergebnisse aufgreifen, transformieren und vermarkten, die in den Ateliers und Werkstätten der freien und der angewandten Kunst entstanden sind. Nicht nur in den Designbüros, sondern auch auf den Plakatwäldern unserer Städte und im Kommunikationsdesign des Internets, lassen sich früher gefundene, individuelle Formensprachen einzelner Künstler identifizieren. Selten war dieser „timelag“ so kurz wie zu Zeiten der Pop-art, als die Form- und Farbfindungen der Kunst fast unmittelbar in Produkten der Werbung, der Mode und des Designs ihren Widerhall fanden.

Die Trennung von sogenannten „freien“ und angewandten Künsten spiegelt sich bis heute in der Ausbildung an Kunstakademien und Designschulen wider. Dieses historisch junge Phänomen und ist eng mit der Entstehung einer bis dahin unbekannten Werkautonomie zu Beginn der Moderne verbunden. Das weitgehende Fehlen einer solchen Autonomie in den Ländern Osteuropas nach dem Ende des zweiten Weltkrieges wurde dort zur Voraussetzung für einen bemerkenswerten Aufschwung der angewandten Künste, die sich zu einem stillen Widerpart der strikt inhaltlichen, ideologischen und normativen „Staatskunst“ entwickelten.

Neuerdings findet eine zumindest partielle Integration der angewandten Kunst und des Designs in das breite Spektrum der zeitgenössischen „Hochkultur“ in den Museen statt. Ein gutes Beispiel sind die Präsentationen in der Münchner „Pinakothek der Moderne“. Offen bleibt die Frage, ob Designobjekte im musealen Kontext perfekt restauriert oder in ihrem gegenwärtigen Zustand präsentiert werden sollten.

Get in touch!